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Im Gespräch: D.I. Rudolf Reimann Bundesvorsitzender des Verbandes der Volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs (VLÖ)
DE:
Wie beurteilen Sie die österreichische Außenpolitik der letzten Regierungunter
dem Aspekt derBeneš-Dekreteund AVNOJ-Gesetze? RR: In der
Frage der Heimatvertriebenen und der in der alten Heimat verbliebenen deutschen
Altösterreicher war die österreichische Außenpolitik nicht sehr erfolgreich.
Denken wir an unsere Forderung, Tschechien, die Slowakei und Slowenien erst dann
in die EU aufzunehmen, wenn die Frage der Menschenrechtsverletzungen und der
Minderheitenrechte zufriedenstellend gelöst ist. Ebenso sollte vorher die Frage
der Aufhebung von Teilen der Beneš-Dekrete, die bis heute noch gelten und reine
Rassengesetze sind, gelöst werden. Die Diskriminierung der altösterreichischen
deutschen Menschen auf Grundlage dieser Gesetze ist bis heute gültig. Ebenso
wird von Slowenien die altösterreichische deutsche Minderheit nicht anerkannt
oder gefördert. DE:
Mit Kroatien wurde ein bilateraler Vermögensvertrag paraphiert. Warum kam es zu
keiner weiteren Behandlung im österreichischen und kroatischen Parlament? RR: Kroatien
hat ein Entschädigungsgesetz beschlossen, das den kroatischen Staatsbürgern
die Rückgabe des im ehemaligen Jugoslawien auf Grund der AVNOJ-Gesetze
enteigneten Vermögens ermöglicht. Ehemalige kroatische Staatsbürger deutscher
Volkszugehörigkeit, die auf Grund der Vertreibungen 1944/1955 heute in anderen
Ländern leben, wird nur dann eine Entschädigung gewährt, wenn ein bilaterales
Abkommen abgeschlossen wird. Österreich hat ein solches Abkommen abgeschlossen,
welches von Kroatien und Österreich paraphiert wurde. Vor der Ratifi zierung
durch das kroatische Parlament hat der Staatspräsident Stipe Mesi_, ein
Altkommunist, sich quergelegt, sodaß es bis heute zu keinem Abschluß gekommen
ist. Der österreichischen Regierung ist es nicht gelungen, diesen Mißstand zu
beseitigen. DE:
Gibt es Gespräche mit der serbischen Seite? Aus Belgrad hört man, daß es dort
im Parlament schon bald ein Entschädigungsgesetz geben soll. Was erwarten sich
die Donauschwaben davon? RR: Seit dem
Zerfall Jugoslawiens haben wir sofort mit der Regierung Serbiens Kontakte geknüpft
und auf die Vertreibung und Enteignung der Donauschwaben aufmerksam gemacht. Wir
haben klar und deutlich auf die Notwendigkeit einer moralischen und
wirtschaftlichen Wiedergutmachung hingewiesen und sind dabei auf Verständnis
gestoßen. Serbien hat die Notwendigkeit eines Gesetzes zur Restitution in
Aussicht gestellt. Zwischenzeitlich wurde ein Gesetz zur Erfassung des
enteigneten Vermögens beschlossen sowie zunächst ein Gesetz zur Entschädigung
des enteigneten Kirchenvermögens geschaffen. Wir rechnen fest damit, daß auch
bald ein Gesetz zur Restitution des enteigneten Privatvermögens auch für die
Donauschwaben kommen wird. DE:
Slowenien hat ein eigenes Ministerium für die Anliegen der slowenischen
Volksgruppen im Ausland angekündigt. Wäre das auch ein Modell für Österreich? RR:
Minderheiten müssen geschützt werden! Slowenien hat das für seine
Minderheiten im Ausland erkannt und ein eigenes Ministerium für die Anliegen
seiner Minderheiten eingerichtet. Die altösterreichischen deutschen
Minderheiten aus dem Raum der Donaumonarchie bedürfen verstärkt eines Schutzes
durch Österreich. Sie werden nach wie vor diskriminiert und benötigen unsere
Unterstützung zur Wahrung ihrer Rechte und ihrer Identität. Unsere Regierung
und unser Außenministerium sind hier gefordert! DE:
Sie sind Vorsitzender des Verbandes der volksdeutschen Landsmannschaften in Österreich
(VLÖ) im Haus der Heimat. Was sind die Aufgaben des VLÖ? RR: Der VLÖ
ist der Dachverband aller deutschen Altösterreicher, die aus ihrer angestammten
Heimat vertrieben wurden und heute in Österreich leben. Dieser Zusammenschluss
hat sich als sehr positiv erwiesen, da nunmehr mit geballter Kraft die Lösung
der Probleme dieser Menschen sowohl in Österreich aber auch der in der Heimat
verbliebenen Landsleute, für die wir uns verantwortlich fühlen, erleichtert
wird. Die Diskriminierung ist immer noch vorhanden. Die Frage der moralischen
und materiellen Wiedergutmachung ist noch immer offen. Die Erlebnisgeneration,
heute alte Menschen, ist traumatisiert und bedarf einer Betreuung. Die
kulturelle Identität muß bewahrt werden. Die wahrheitsgetreue geschichtliche
Aufarbeitung muß weiterhin erfolgen und zwar durch Intensivierung von Forschung,
Dokumentation, Kommunikation, Bildungsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit DE:
Im österreichischen Parlament gibt es eigene Vertriebenensprecher. Wie sieht
die Zusammenarbeit aus? RR: Seit
vielen Jahren haben wir im österreichischen Parlament Vertriebenensprecher
aller Fraktionen mit Ausnahme der Grünen. Diese Einrichtung hat sich sehr bewährt
und trägt zur Bewältigung unserer Aufgaben bei. Ein Beispiel möchte ich hier
nur erwähnen. Auf Initiative der Vertriebenensprecher fand eine Reise von
Parlamentariern zu den Organisationen unserer Landsleute in den Ländern der
ehemaligen Donaumonarchie statt, die auch in einer bemerkenswerten Dokumentation
festgehalten ist. Sie hat zum Selbstbewußtsein unserer Landsleute aber auch zu
Anerkennung und Achtung in ihren Heimatländern beigetragen. DE:
Welche Forderungen stellen Sie an die neue Regierung? RR: Es wird
unsere Aufgabe sein, in der neuen Regierung um ein größeres Verständnis für
die deutschen Altösterreicher und ihre Probleme zu werben. Wir hoffen auf eine
gute Zusammenarbeit, insbesondere mit dem Außenministerium. Wir allein können
die bevorstehenden Aufgaben nicht lösen, dazu brauchen wir die intensive
Mitwirkung der Regierung. DE:
Wie könnten nach Meinung des VLÖ die Probleme mit Tschechien, der Slowakei,
Kroatien, Slowenien und Serbien gelöst werden? RR: Um ein
Europa in Frieden zu schaffen, bedarf es der lückenlosen Aufarbeitung der
Vergangenheit. Geschehenes Unrecht muß beseitigt werden, um gegenseitige
Achtung zu erlangen. Dies kann auf zwei Ebenen erfolgen. Die erste Ebene ist,
die Menschen aufzuklären und ihr Verständnis für das an uns geschehene
Unrecht zu wecken. Dies sollte auch im kulturellen Bereich erfolgen durch
Literatur, Gedankenaustausch und gegenseitige Begegnungen, um Verständnis für
die andere Seite zu erreichen. Die zweite Ebene ist die politische. Hier muß
durch intensive Verhandlungen der Regierung unter Einbindung der Betroffenen für
Lösungen gesorgt werden. Eine unnachgiebige und entschlossene Vorgangsweise
wird hier nötig sein. Das Recht liegt auf unserer Seite. Das Gespräch
führte Dr. Peter Wassertheurer
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