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Im Gespräch: Gerhard Zeihsel
Bundesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich (SLÖ)
Dezember 2008 11 Anläßlich der aktuellen
Koalitionsverhandlungen befragte der ECKART Gerhard Zeihsel, LAbg. a.D., zu
seiner Einschätzung der aktuellen Vertriebenendiskussion in Österreich und zu
seinen Erwartungen an die neue Bundesregierung. DE: Wo steht im Moment die österreichische
Vertriebenenpolitik? GZ: Es gibt einen Stillstand in
unserer Frage – alles wartet auf eine neue Regierung. DE: Woran liegt das? GZ: Die letzte große Koalition
konnte innerösterreichische Fragen nicht lösen – sie dachte gar nicht an die
Sudetendeutsche Frage! Die Frau Außenminister Plassnik interessiert diese Frage
nicht – die österreichische Botschafterin in Prag, Klestil-Löffler, hat es
noch nicht geschafft, dem Sudetendeutschen Büro in Prag einen Besuch
abzustatten. Die Augen waren nur auf die EU gerichtet und man war äußerst
darauf bedacht, nicht durch solche Forderungen und Ansinnen „negative
aufzufallen“. Und: Wirtschaftsinteressen Österreichs im Osten sollten ja auch
nicht gefährdet werden. DE: Und was machen die Tschechen
und Slowaken in dieser Frage? GZ: Das Parlament in Prag hatte
schon 2002 – also vor der Aufnahme in die EU – die Beneš Dekrete einstimmig
neu beschlossen und trotzdem wurde das Land aufgenommen. Das Gefälligkeitsgutachten
von Frowein bildete das Schild. In Preßburg herrschte diesbezüglich Ruhe, da
die ungarischen Koalitionsparteien mitregierten und eine Stillhaltevereinbarung
(über die Beneš-Dekrete) mit ihren slowakischen Regierungspartnern bestand.
Man hatte damit andere Vorteile für die ungarische Minderheit eingehandelt.
Jetzt sind sie in Opposition und begannen von der nationalistischen slowakischen
Regierung die Aufhebung der Beneš-Dekrete zu fordern. Fico reagierte mit der
Retourkutsche: Im Parlament wurden 2007 die Beneš- Dekrete für unantastbar
erklärt. Von Brüssel habe ich keine kritische Reaktion dazu erwartet, dort
erklärt man sich für die Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen
unzuständig. Dort beschäftigt man sich lieber mit Vorschriften über die
Gurkenkrümmung etc. DE: Prag ist der Meinung, daß
die Frage der Vertreibung der Sudetendeutschen eigentlich gelöst ist? Was
halten Sie davon? GZ: Wir von der SLÖ teilten
diese Auffassung nicht und bemühten uns sehr, daß eine Lösung dieser Völkermordfrage
vor der Aufnahme der Tschechen und Slowaken in die EU erfolgt. Diese von
Beschwichtigungshofräten in Aussicht gestellte leichtere „Lösung in gleicher
Augenhöhe“ hat sich ja als vollkommener Flop erwiesen! DE: 2008 ist für die
Sudetendeutschen ein Gedenkjahr. Man gedenkt des Münchner Abkommens.
Wie beurteilen Sie dieses Abkommen? GZ: Vor 70 Jahren wurde den 3,5
Millionen deutschen Altösterreichern in Böhmen, Mähren und Österr.-Schlesien
nach dem Zusammenbruch der Monarchie das von Wilson versprochene
Selbstbestimmungsrecht verweigert. Es folgten 19 Jahre Tschechisierungspolitik
in den mehrheitlich deutsch besiedelten Randgebieten der ČSR, über eine
halbe Million Tschechen wurden als Beamte, Staatsangestellte und Bauern auf
Deutschen enteignetem Boden („Bodenreform“), angesiedelt. Auch trotz der in
St. Germain versprochenen Autonomieregelung („Überschweiz“) wurde noch nach
dem großen Wahlsieg 1935 die Sudetendeutsche Partei unter Konrad Henlein, als
stimmenstärkste Partei der ČSR, weder in die Regierung aufgenommen noch
die Autonomie gewährt. Damit hatte Beneš den Weg für Hitler freigemacht, sich
zum Retter der bedrohten deutschen Volksgruppe zu erklären. Die Siegermächte
von 1918 in St. Germain, Frankreich, Großbritannien und Italien, sollten ihm in
München das zugestehen, was sie 1919 Dr. Renner und dem demokratischen DeutschÖsterreich
verweigert hatten! DE: Das offizielle Österreich
schweigt aber dazu. haben Sie dafür eine Erklärung? GZ: Erklären kann ich es mir
nicht, da wir ja bis 1918 im gleichen Land zusammen lebten. Aber es ist halt
schon länger zu beobachten, daß man für andere Opfergruppen ein viel größeres
Verständnis aufbringt. DE: Wie definieren Sie die
Forderungen der Sudetendeutschen im Jahr 2008? GZ: Es gibt überhaupt keinen
Grund, auf der Aufhebung der die Sudetendeutschen und Madjaren betreffenden ein
Dutzend (von 145!) rassistischen, menschenrechtswidrigen und kollektiv
erlassenen Beneš-Dekrete und des Straffreistellungsgesetzes von1946, nicht zu
bestehen. Wir erhoffen uns eine
Bundesregierung, die sich nicht aus ihrer historischen Verpflichtung stiehlt,
sondern sich für diese deutschen Altösterreicher und deren Nachkommen einsetzt.
Das Gespräch führte Dr. Peter
Wassertheurer.
Gerhard Zeihsel, LAbg. a.D. Das Gespräch führte Dr. Peter Wassertheurer. Dezember 2008
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